Warum ich meinen Mann dafür liebe, dass er immer wieder mit seinem Rad trainiert
Zunächst einmal bin ich persönlich alles andere als radsportbegeistert. Das liegt daran, dass es mir nicht besonders leicht fällt, Rad zu fahren.
Schon beim ersten Berg komme ich außer Puste, bei Gegenwind fluche ich und nach 10 km brauche ich eine längere Pause. Mein Mann wird mich also nie
auf ein Rennrad bekommen (genauso, wie ich ihn nie zum Tanzen werde bewegen können – aber man soll nie ´nie´ sagen…). Aber mein
Mann ist glaube ich schon ganz zufrieden, dass gemeinsame Radtouren mit der Familie quasi als Reisen möglich sind. Und da mein Mann das schwerste Fahrrad
mit den meisten Kindern zu bewegen hat, befinden wir uns dann einigermaßen auf dem gleichen Niveau bei durchschnittlich 13,5 km/h. Ich bin von dieser Art
des Reisens vollauf begeistert, weil sie ausgesprochen intensiv ist und mit den Kindern großartige gemeinsame Erlebnisse schafft. Die Fähigkeit
meines Mannes, solche Reisen zu unternehmen und auch für unsere Familie organisieren zu können, war der Grund, weshalb ich mich überhaupt
einstmals in ihn verliebt habe.
Aber von nichts ist nichts und so braucht mein Mann auch Zeiten, in denen er trainieren, an den Rädern schrauben und an Radrennen teilnehmen kann. In
einer Familie mit 4 Kindern zwischen 8 und 2 Jahren nicht unbedingt gern gesehen, wenn es in egozentrischer Manier ausarten und zu viel Zeit beanspruchen
würde, zumal mein Mann schon durch die Arbeit überdurchschnittlich zeitlich ausgelastet ist. Wöchentlich mehrere separate Trainingseinheiten
sind nicht drin und auch der Ehrgeiz muss herabgeschraubt werden. Das Ziel ist dann eben nicht mehr, sich mit anderen im Spitzenfeld messen zu können,
sondern der Akzent verschiebt sich zu Freude am sportlichen Ausgleich auf dem Rad. Und da haben dann sogar die Kinder Platz dabei, ja sogar eine wichtige
Aufgabe als Herausforderung beim Training. Denn der Trainingseffekt wird auf einem schweren Tandem mit Anhänger einer Bergstrecke gleichen, die Strecke
vielleicht das Doppelte oder Dreifache zählen. Sitzt er dann wieder mal zur Abwechslung selbst auf seinem leichten Rennrad, bekommt er das Gefühl,
als hätte er eine Rakete unter´m Hintern. Also darf er ruhig jeden Tag unsere Kinder zum Kindergarten bringen, den Großen vom
Fußballtraining abholen, oder die zweite mit dem Trailerbike zum Instrumentalunterricht bringen. Natürlich, etwas praktischer muss er sich dafür
im Alltag schon anstellen als Brägel (ein von meinem Mann in seiner Radsportzeitschrift gern gelesener Komiker). Die Packtasche und auch das Geld muss
mit, soll er auf dem Wege schnell noch einige Sachen für den Großfamiliehaushalt einkaufen. Und die Gitarre der Tochter muss in den Rucksack auf dem
Weg zum Unterricht, auch wenn der Hals bald steif wird, weil der Gitarrrenhals im Nacken gegen den Helm drückt.
Einmal in der Woche, meist schon wenn es dunkel ist, habe ich einen ehemann-freien Abend, da kann ich einmal in Ruhe mit Freundinnen telefonieren, Briefe
schreiben oder einem meiner Hobbies frönen – so ist es jedenfalls gedacht, falls in ein paar Jahren die Hausarbeit sich nicht mehr bis in die
späten Abend breit macht.
Einmal im Jahr bekomme ich sogar wieder die Möglichkeit, meinem Mann Liebesbriefe zu schreiben, weil er für eine Woche in einem Trainingslager sich
mit Gleichgesinnten so lange Seitenstechen holt, bis er als trainiert gilt und fit ist für die Sommersaison mit den Kindern auf dem Rad. Da will er dann
auch zeigen, dass sich Radsport und Kinder sehr wohl vereinbaren lassen und startet bei verschiedenen Rennen und RTF´s. Dabei sichert er sich immer
die begeisterte Sympathie der Massen nicht indem er die besten Zeiten fährt, sondern indem er seine Kinder ans Rennrad hängt und somit das
längste Gespann aufweisen kann. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass die Kinder es lieben, Publikumsliebling zu sein und es inzwischen schon auf dem
eigenen Rad beim „Fette Reifen Rennen“ im Geschwindigkeitsschnitt mit ihrem Vater aufnehmen können. Er nimmt´s gelassen und fühlt
sich zu recht als Mentor. Der Rummel um die Rennen begeistert die Großen schon sehr und bringt auch mich dazu, alles zu geben. Habe ich nämlich keine
Lust, sonntags allein zu Hause zu sitzen und kleine Kinder zu hüten, fahre ich mit und leihe meinem Mann auch mal meine Socken und laufe selbst barfuß,
weil er seine Socken vergessen hat, aber ohne Socken bei morgendlichen Temperaturen wohl kaum „gewinnen“ kann. Aber Probleme sind dazu da, um
gelöst zu werden und nach dem Rennen konnte mein Mann mir voll Stolz meine Socken zurückgeben, die nun auf ewig „Siegersocken“ bleiben und
zum Beweis der Liebe meines Mannes werden. Ich aber bin auf meinem mehrstündigen Spaziergang mit den Kleinen von Spielplatz zu Spielplatz, von Windel zu
Windel und von Breichen zu Breichen zur Diebin geworden. Möglichst unbemerkt versuchte ich von einem städtischen Beet einige Rosenblüten zu
entwenden, um sie meinen tapferen Rittern im Fahrradsattel nach dem Rennen überreichen zu können. Auf der Autofahrt nach Hause halte ich meinen Kopf
immer etwas nach rechts gebeugt, nicht um in den 2 Stunden besser die vorbeiziehende Landschaft genießen zu können (das tue ich natürlich auch
nebenbei), sondern um dem auf den Sitzlehnen im Fahrzeuginnenraum lagernden Tandem auszuweichen. Aber die überströmende Euphorie meiner Großen
(inklusive Mann) lässt keinen Zweifel über diesen perfekt gelungenen Familiensonntag aufkommen und so werden wir auch das nächste mal dabei
sein – natürlich nur, wenn mein Mann wieder ordentlich trainiert hat.