Mit 5 Jahren auf die Zugspitze in 8 h ab Ehrwald
Wiebke ist unser Kletterwiesel. Seit wir im Sommer 2009 au unserem Hof eine Kletterwand stehen haben, ist sie beseelt von dem Gedanken, hohe Berge zu erklimmen. Im September 09 war es dann soweit. Sie begleitete mich auf einer Dienstreise quer durch Deutschland, der vorletzte Tag war nur am Nachmittag mit 2 Terminen belegt worden, um vormittags wandern zu können. Da diese Termine im Süden Bayern waren, kam natürlich die Zuspitze in Frage (es sollte ein Berg sein, von dem man mit der Bahn runterfahren kann). Kann man mit einem 5-jährigen Kind an einem Tag nonstop auf die Zugspitze steigen? Ich fragte in mehreren Foren ohne Ergebnis. Ich selber war vor 16 Jahren ab Ehrwald hochgestiegen und via Knorrhütte und Gatterl zurück nach Ehrwald gelaufen an einem sehr sehr langen Tag… Also kam als Startpunkt nur Ehrwald in Frage, die Talstation der Tiroler Zugspitzbahn. Mit ca. 1200 m Höhe der höchst gelegene Startpunkt. Am Donnerstag erreichten wir abends Ehrwald. Der Zeltplatz an der Talstation der Bahn kostete 30 EUR – nur 2 Personen die im Auto schlafen. Na ja, was solls. Dafür war das Schwimmbad mit inklusive und wir genossen das Wasser. Nach einer kurzen Nacht klingelte um 4.30 Uhr der Wecker. Ich hatte am Abends alles gepackt, also nur noch anziehen, Auto umparken, einen Müsliriegel in die Hand und los. Wiebke ist erstaunlich munter für die Uhrzeit. Zuerst geht es die Skipiste hoch. Die beiden Lichtkegel unserer Stirnlampen weisen den Weg in die Dunkelheit. Bald haben wir einen schönen Blick auf das ganze Tal und die Sterne über uns. Bis gestern hatte es stark geregnet und für heute war Nebel angesagt. Nichts dergleichen war zu sehen. Höher und höher steigen wir, alle 15 min eine kurze Pause. Ich hatte Wiebke erklärt, dass die schönsten Kletterstellen immer einen langen Weg als Zuwegung haben. Das motiviert ein wenig. Als erstes Ziel habe ich die Wiesenquelle ausgegeben, dort gibt es ein Schokoladenpause. Aber das ist noch weit… Der Skihang endet und geht in ein Schotterfeld über. Das sagt Wiebke schon etwas mehr zu, es ist kein Graslaufen mehr sondern das Balancieren von Stein zu Stein. Aber trotzdem noch langweilig. Langsam wird es heller und die Berge rundherum werden sichtbar. Aus dem Tal steigt der Nebel auf und die Sterne werden blasser. Höher und höher steigen wir. Vor uns in einem Seitental entdeckt Wiebke das erste Schneefeld und würde am liebsten hinlaufen… Endlich erreichen wir die Wiesenquelle und eine ganze Tafel Schokolade geht drauf. Wir füllen die Wasserflaschen neu auf und verstauen die nicht mehr notwendigen Stirnlampen.
Und schon geht es weiter ins Gamskar – das den Namen zu recht trägt. Wiebke ist richtig high beim Anblick der ersten Gemse. Sie geht jetzt voran und „schleicht“ sich dichter, ich muss mit Abstand folgen. Der Weg geht zwischen den Latschenkiefern aufwärts Richtung Seilbahnmast, der schon oben sichtbar ist. Wiebke geht fast im Dauerlauf „Papa schau mal, die Gemse dort ist noch ganz klein, bestimmt erst dieses Jahr geboren, und die dort ist ganz dunkel…“ So sind wir schneller als gedacht auf dem Sattel oben. Hier beginnen die ersten Seile. Wir legen unsere Klettergute an, setzen die Helme auf und seilen uns an. Wiebke hat ein kurzes Klettersteigseil mit Karabiner um sich einzuklinken, ich bin mit ca. 4 m Seil hinter ihr und habe meinerseits auch ein Klettersteigseil mit Karabiner. Da es das erste mal für Sie im echten Fels ist, erkläre ich ihr kurz das Einklicken ins Seil. Jetzt kann es losgehen und Wiebke macht den Gemsen ernste Konkurrenz. Am Berg entlang geht es an der Seilbahnstütze vorbei weiter. Das Gelände ist einfach, aber nicht ungefährlich. Über uns schwebt nun schon die erste Seilbahn gen Gipfel. Die Wiener Neustädter Hütte, unser nächstes Ziel, kann nicht weit sein. Vor uns sehen wir nun plötzlich eine Reihe Wanderer, die offensichtlich gerade bei der Hütte gestartet sind. Ungläubig bleiben sie alle stehen und schauen, was dort für ein Kind von unten angeklettert kommt. Wenig später sind wir bei der Hütte, es ist kurz nach 9 Uhr. Wir essen und trinken vom Proviant, und nach 10 Minuten geht’s weiter.
Die Gruppe vor uns erreicht schon den Einstieg und wir können dann sehen, wo es langgeht. Wiebkes Augen leuchten. Bei einer kleinen Pause ziehen wir uns wärmer an, da es doch recht kühl ist (gestern waren 1 Grad auf der Zugspitze). Am Einstieg in den Klettersteig machen wir keine Pause mehr, Wiebke klettert gleich los. „Oh je, das geht ja hoch. Aber das schaffen wir schon“ meint Wiebke nach den ersten Metern. Klick, klick, klick machen die Karabiner. Ausklinken, einklinken und weiter. Durch den Stopselzieher, so heißt die Schlüsselstelle, geht es durch eine natürliche Höhle aufwärts durch den Fels. Wir folgen dem gut gesicherten Weg nach oben. Wiebke muss so einige Steine hochkraxeln, da ihre Schrittweite einfach noch kleiner ist als bei Erwachsenen. Die Gruppe vor uns bleibt immer im Sichtabstand, aber zum Glück seitwärts wegen der Steinschlaggefahr. Höher und höher geht’s, wie bisher ca. alle 10-15 Min eine kurze Pause. Zwei Österreicher kommen uns entgehen, sie sind vor ca. 2 h am Gipfel gestartet. Es ist mittlerweile 10 Uhr und die Sonne schein bei klarem Himmel – zum Glück sind wir aber im Schatten. Über uns der Gipfel mit seinen vielen Bauten.
Zwei Stunden später erreichen wir ziemlich erschöpft den Sattel – nun in der vollen Sonne, unter uns die Geröllwüste und das Schneefernerhaus. Wiebke ist nun geschafft, ich auch. Die Pausen werden häufiger und wir brauchen noch eine volle Stunde, bis wir zwischen den Massen auf dem Gipfelplateau stehen. Den eigentlichen Gipfel haben die Massen der Turnschuhträger besetzt, das lassen wir dann einfach sein. Wiebke wird von vielen umringt und gefragt wie alt sie ist. Kaum einer kann glauben, dass sie mit ihren 5 Jahren in 8 h komplett von Ehrwald bis zum Gipfel durchgestiegen ist. Sie sei da sicher eine der jüngsten Nonstop-Besteigerinnen, da meist in der Wiener Neustädter Hütte oder in der Knorrhütte übernachtet wird. Wir essen und trinken von unserem Proviant, um dann zur Seilbahn zu gehen und die ganz Strecke bis unten in 10 Min zurückzulegen… Wiebke ist stolz ohne Ende und ich nicht weniger. Und ich verspreche ihr einen Orden zu basteln.